„Diplomatie beginnt dort, wo Menschen Brücken bauen, Verständnis schaffen und ihr Land sichtbar machen“ – diese Worte aus einer kurzen Reflexion beschrieben die Atmosphäre eines besonderen Abends, der ukrainische und europäische Intellektuelle, Diplomaten sowie Vertreter der Zivilgesellschaft zusammenführte.
Am 16. Juni 2026 wurde die Große Aula der Hochschule für Philosophie in München zum Ort eines tiefgehenden Austauschs über die historische Kontinuität der ukrainischen Staatlichkeit, Kulturdiplomatie und das einzigartige Phänomen der ukrainischen Widerstandskraft. Die Veranstaltung wurde in enger Zusammenarbeit der Ukrainischen Freien Universität (UFU), der Hanns-Seidel-Stiftung in der Ukraine, des Generalkonsulats der Ukraine in München sowie der Wissenschaftlichen Gesellschaft für die Geschichte der Diplomatie und der internationalen Beziehungen organisiert.
💡 Die Veranstaltung wurde mit Unterstützung der Hanns-Seidel-Stiftung in der Ukraine durchgeführt.
✨ Im Mittelpunkt des Abends: Das weibliche Gesicht der Diplomatie und die Wiederherstellung historischer Wahrheit
Höhepunkt des Abends war die Präsentation eines einzigartigen Buchprojekts – der Publikation „Die Frau in der offiziellen und öffentlichen Diplomatie“ sowie der begleitenden Werke „Kulturdiplomatie“ und „Das weibliche Gesicht der ukrainischen Diplomatie“ – sowie die Eröffnung einer gleichnamigen Ausstellung.
Wie die Rektorin der UFU, Professorin Larysa Didkovska, in ihrem Grußwort betonte, sei es für die Universität, die seit über einem Jahrhundert nicht nur ein Zentrum der Wissenschaft, sondern auch eine bedeutende Plattform kultureller und öffentlicher Diplomatie ist, eine große Ehre, eine Veranstaltung auszurichten, die historische Gerechtigkeit wiederherstellt.
„Die Präsentation dieser Bücher und der Ausstellung ist weit mehr als eine Würdigung der Geschlechtergleichstellung. Sie bedeutet die Rückkehr der Wahrheit darüber, wer wir sind.“
Die Projektleiterin, Professorin und Doktorin der Geschichtswissenschaften Iryna Matiasch, widmete ihren Vortrag dem Thema „Frauen in der ukrainischen Diplomatie: Herausforderung oder Berufung?“. Sie zeigte auf, dass die Geschichte der ukrainischen Diplomatie ohne die Anerkennung der Rolle von Frauen nicht verstanden werden kann – von Nadija Surowtsowa, der ersten Frau an der Spitze einer Abteilung des Außenministeriums und Pionierin der öffentlichen Diplomatie, bis hin zu Olena Lototska, Hanna Tschykalenko und den heutigen Botschafterinnen der unabhängigen Ukraine. Das Projekt macht deutlich: Entscheidend für diplomatische Tätigkeit sind nicht Geschlecht, sondern Professionalität, Patriotismus und Integrität.
Die besondere Ehrengästin der Veranstaltung, die Diplomatin und Forscherin Jewhenija Haber, unterstrich die Bedeutung solcher Forschungen im Kontext des Informationskrieges. Das Buch widerlege russische Narrative, wonach die Ukraine ein „junger Staat ohne Traditionen“ sei. Tatsächlich belegen historische Fakten, dass ukrainische Frauen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts an internationalen Kongressen auf höchster Ebene teilnahmen und dass sich die Ukraine historisch als demokratische Gesellschaft entwickelte. Heute engagieren sich Frauen in der Diplomatie gleichermaßen in der „weichen“ (kulturellen) wie auch in der „harten“ (sicherheitspolitischen) Diplomatie und tragen dazu bei, Waffenlieferungen, Panzer und F-16-Kampfjets für die Ukraine zu sichern.
🖼️ Gesichter, die Geschichte schrieben: Ausstellung im Foyer
Ein besonderer visueller und emotionaler Höhepunkt des Abends war die Banner-Ausstellung „Die weiblichen Gesichter der ukrainischen Diplomatie“, die im Foyer der Großen Aula präsentiert wurde. Die Besucherinnen und Besucher konnten auf den Ausstellungswänden den Blicken verschiedener Epochen begegnen – von symbolträchtigen Persönlichkeiten vergangener Jahrhunderte über die ersten Botschafterinnen der unabhängigen Ukraine bis hin zu den Diplomatinnen der Gegenwart, die heute die internationale Front verteidigen.
Jedes Exponat war weit mehr als ein historisches Dokument oder ein Porträt – es erzählte eine lebendige Geschichte von Dienstbereitschaft, Widerstandskraft und außergewöhnlicher Führungsstärke ukrainischer Frauen. Die Ausstellung war zuvor bereits an führenden Universitäten der Ukraine zu sehen und wurde nun zu einer wichtigen Brücke zwischen historischer Wahrheit und dem heutigen Europa in den Räumen der Ukrainischen Freien Universität.
🤝 Die Kraft horizontaler Netzwerke und europäische Solidarität
Die deutsche Perspektive auf die Veranstaltung sowie die Tiefe der deutsch-ukrainischen Beziehungen stellte Benjamin Bobbe, Leiter des Referats Mittel- und Osteuropa der Hanns-Seidel-Stiftung, vor. Er betonte, dass die UFU heute ein besonderes Symbol akademischer Freiheit und ein europäischer Anker der Ukraine sei.
Herr Bobbe hob hervor, dass Frauen zu zentralen Trägerinnen der ukrainischen Resilienz geworden seien – sowohl innerhalb des Landes als auch darüber hinaus. Zudem verwies er auf den Erfolg der Dezentralisierungsreform in der Ukraine, die enorme Energie, Kreativität und Verantwortung auf lokaler Ebene freigesetzt habe und es Staat und Gesellschaft ermögliche, selbst unter den Bedingungen eines brutalen Angriffskrieges handlungsfähig zu bleiben.
Der Generalkonsul der Ukraine in München, Yurii Nykytiuk, griff in seiner Rede eine symbolische Metapher auf: In vielen Sprachen sei das Wort „Diplomatie“ grammatikalisch weiblich. Er zog eine bewegende Parallele zwischen der diplomatischen Mission und den Lebenswegen gewöhnlicher ukrainischer Frauen – Lehrerinnen, Krankenschwestern oder Verkäuferinnen, die tagsüber ihrer Arbeit nachgehen und nachts in mobilen Luftabwehreinheiten Dienst leisten, russische Drohnen abschießen und den ukrainischen Himmel schützen.
„Sie sind unsere besten Diplomatinnen und Veteraninnen.“
🧠 Warum existiert die Ukraine – und warum beeindruckt sie die Welt?
Den Abschluss des Abends bildete der Vortrag von Professor Dr. Ihor Zhaloba, Vorsitzender von Paneuropa Ukraine, zum Thema:
„Die Ukraine in ihrer neuesten Geschichte: historische und persönliche Perspektiven“.
Ausgehend von seinen eigenen Kriegserfahrungen und historischen Analysen reflektierte Professor Schaloba darüber, warum die Ukraine seit fünf Jahren einen offenen Verteidigungskrieg gegen den Aggressor führt und dabei die Welt zugleich überrascht und inspiriert.
Er stellte imperiale und freiheitliche Gesellschaftsmodelle gegenüber und verwies auf die Gründung der Akademie von Ostroh (1576) und der Kyjiw-Mohyla-Akademie (1632), die aus privater und gesellschaftlicher Initiative hervorgingen, während die Moskauer Universität erst 1755 mit Genehmigung der Zarin gegründet wurde. Diese historischen Wurzeln hätten die größte Stärke der heutigen Ukraine hervorgebracht: eine reife Zivilgesellschaft, eine ausgeprägte Vertrauenskultur und starke horizontale Netzwerke.
Gerade deshalb hätten die Ukrainerinnen und Ukrainer gelernt, auf ihre eigenen Kräfte zu vertrauen und die Freiheit über alles zu stellen.
Dieser Abend an der UFU war weit mehr als eine Buchpräsentation. Er stellte einen weiteren wichtigen Schritt der Kulturdiplomatie dar, der die Ukraine im Herzen Europas sichtbarer, hörbarer und verständlicher macht.
Wir danken allen Referentinnen und Referenten, Organisatorinnen und Organisatoren, Partnern und Gästen herzlich für ihre Mitwirkung. Ein konkretes Ergebnis des Abends ist, dass die vorgestellten Bücher künftig ihren Platz in diplomatischen und akademischen Einrichtungen finden werden.
Gemeinsam gestalten wir weiterhin den intellektuellen Raum des ukrainischen Sieges.
Autorin des Beitrags: Dr. Liliia Bondarenko
Fotos: Denys Dolzhenko


