Am 15. September hielt die Rektorin der UFU, Prof. Larysa Didkovska, an der La Salle University in Philadelphia einen Vortrag über die Mechanismen der Stressbewältigung und den Erhalt der Identität im Krieg.
Wie lassen sich psychische Resilienz, Menschenwürde und Hoffnung in einem langen Krieg bewahren? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Vortrags von Professorin Larysa Didkovska mit dem Titel „Psychisches Trauma im Krieg: Dynamik, Bewältigungsmechanismen und Stabilität der Identität“.
Der Vortrag konzentrierte sich auf die psychologischen Folgen des Krieges für den Einzelnen und die Gesellschaft: akuter und chronischer Stress, emotionale Erschöpfung, moralisches Trauma, Anpassungsmechanismen, Erhalt der Identität und die Möglichkeit posttraumatischen Wachstums.
Die Professorin erklärte, dass akuter Stress eine natürliche Reaktion auf unmittelbare Gefahr sei. In solchen Momenten mobilisiert sich der Körper: Man wird extrem wachsam, konzentriert sich auf das Überleben und eine schnelle Reaktion. Wenn die Gefahr jedoch Monate und Jahre andauert, verliert dieser Mechanismus seine kurzfristige Schutzfunktion und kann zu chronischer Erschöpfung führen.
Larysa Didkovska hob drei zentrale Säulen psychischer Resilienz hervor: Handlungsfähigkeit, den Erhalt der moralischen Identität und soziale Solidarität.
Die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und zu handeln, hilft, dem Gefühl der Hilflosigkeit zu widerstehen. Moralische Werte geben einem Menschen in chaotischen Situationen inneren Halt. Und die Verbindung zu anderen – Familie, Freunden, Gemeinschaft – wird zu einem der wichtigsten Schutzfaktoren gegen tiefe psychische Traumata.
Ein weiteres Thema war das „Recht auf Freude“ im Krieg. Die Professorin betonte: Menschen empfinden oft Schuldgefühle, wenn sie sich erlauben, sich zu freuen, auszuruhen oder zum normalen Leben zurückzukehren, wohl wissend, dass andere weiterhin leiden.
Freude und Ruhe, so Larysa Didkovska, seien jedoch kein Verrat oder Ausdruck von Gleichgültigkeit. Im Gegenteil, sie seien für die psychische Genesung unerlässlich. Wer sich ständig in Alarmbereitschaft befinde und sich keine Erholung gönne, riskiere, seine Funktionsfähigkeit, seine Arbeitsfähigkeit und seine Fähigkeit, anderen zu helfen, zu verlieren.
Während des Vortrags erläuterte die Professorin drei Phasen der Traumaverarbeitung. Die erste Phase ist die Mobilisierung, in der Schock, Adrenalin und der Fokus auf das physische Überleben vorherrschen. Die zweite Phase ist anhaltender Stress, begleitet von emotionaler Erschöpfung, Verlusterfahrungen, moralischen Spannungen und Schwankungen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Die dritte Phase ist die Integration, in der die Betroffenen das Erlebte allmählich verarbeiten, ihre Identität wiederfinden und eine neue Zukunftsvision entwickeln.
Die Sinnsuche spielt dabei eine wichtige Rolle. Anderen zu helfen, sich gesellschaftlich zu engagieren, gegenseitige Unterstützung zu leisten und gemeinnützige Arbeit zu leisten, kann traumatische Erfahrungen in eine Quelle innerer Stärke verwandeln und posttraumatisches Wachstum fördern.
„Psychische Resilienz im Krieg bedeutet nicht die Abwesenheit von Schmerz, sondern die Fähigkeit, die Menschenwürde, echte Beziehungen zu anderen und Hoffnung inmitten der Dunkelheit zu bewahren“, betonte Professorin Larysa Didkovska.
Eine der Kernaussagen des Treffens war, dass Genesung keine Rückkehr zum Leben „vor dem Trauma“ bedeutet, sondern die schrittweise Entwicklung eines neuen Selbstverständnisses, der eigenen Stärke, der Verantwortung und einer neuen Zukunftsperspektive. Da der Krieg weiterhin Millionen von Ukrainern in der Ukraine und darüber hinaus betrifft, gewinnen Themen wie psychische Widerstandsfähigkeit, soziale Unterstützung und der Erhalt menschlicher Beziehungen besondere Bedeutung.
Foto: Pressebüro der St. Sophia Society of the USA


