Am 4. Mai hatte die Delegation der Ukrainischen Freien Universität unter der Leitung unserer Rektorin, Frau Prof. Dr. Larysa Didkovska, die Ehre, an einer tiefgründigen Diskussionsrunde im renommierten Cafe Luitpold teilzunehmen. Im Zentrum des Abends stand das neue Werk von Prof. Dr. Martin Schulze Wessel: „Die übersehene Nation. Deutschlands Verhältnis zur Ukraine“.
Gemeinsam mit Prof. Dr. Alexander Kratochvil (LMU) und moderiert von Christine Hamel (BR), beleuchtete der Abend jene „geflissentliche Ignoranz“, die die deutsche Wahrnehmung der Ukraine über Jahrzehnte prägte.
WARUM WURDE DIE UKRAINE ÜBERSEHEN?
Prof. Schulze Wessel legte dar, dass Deutschland die Ukraine lange Zeit fast ausschließlich durch das „russische Prisma“ betrachtete. Diese Sichtweise degradierte eine der größten Nationen Europas zu einer bloßen „Region mit Folklore“ oder zu einem Objekt imperialer Machtansprüche. Besonders eindringlich wurde diskutiert, wie die koloniale Politik beider Weltkriege – vom Hunger nach der „Schwarzerde“ bis hin zum Vernichtungskrieg – die Ukraine zum Epizentrum europäischer Tragödien machte.
LITERATUR ALS AKT DES WIDERSTANDS
Ein wesentlicher Teil des Gesprächs widmete sich der Rolle der ukrainischen Kultur. Alexander Kratochvil betonte, dass das Schreiben auf Ukrainisch – von Taras Schewtschenko bis zur Gegenwart – kein bloßes ästhetisches Programm war, sondern ein existenzieller Akt der Selbstbehauptung gegen imperiale Unterdrückung und Sprachverbote wie den Emser Erlass von 1876.
EIN HERZLICHER DANK AN UNSERE GASTGEBER
Ein besonderer Dank gilt dem Eigentümer des Cafe Luitpold, Herrn Dr. Stephan J. Meier. Wir danken ihm herzlich für seine großzügige Gastfreundschaft und für das deutliche Zeichen der Solidarität und Unterstützung für die Ukraine, das er durch die Ausrichtung solcher Veranstaltungen setzt. Es ist von unschätzbarem Wert, Räume für den kritischen Diskurs und die deutsch-ukrainische Annäherung zu haben.
UNSERE VERANTWORTUNG HEUTE
Für die Ukrainische Freie Universität – Український Вільний Університет als Institution, die seit über 100 Jahren die ukrainische Wissenschaft und Identität im Herzen Münchens bewahrt, war dieser Abend von besonderer Bedeutung. Wie Prof. Schulze Wessel treffend formulierte: „Wer sich die deutsch-ukrainische Geschichte vergegenwärtigt, dem wird es schwerer fallen, gegenüber dem Schicksal des Landes gleichgültig zu sein.“
Die Erkenntnis, dass die Ukraine keine „späte Nation“, sondern eine durch imperialen Druck systematisch unsichtbar gemachte Nation ist, ist der Schlüssel für ein neues, solidarisches Europa.
Text von Dr. Liliia Bondarenko

